Was ist die Kritik am Fairtrade-System?

Bei der Suche nach fair gehandelten Produkten vertrauen viele auf das grün-blaue Siegel des Fairtrade-Zertifizierungssystems. Mittlerweile häuft sich jedoch die Kritik zu Fairtrade. Ist dem System überhaupt zu trauen?

ARTIKEL VON Franzi
23. September 2022
Das Fairtrade Zeichen auf Bananen

In einem anderen Artikel haben wir uns bereits mit der Bedeutung der häufigsten Nachhaltigkeits-Siegel auseinander gesetzt. In diesem wollen wir uns auf nur ein Zertifizierungssystem fokussieren: Das Fairtrade-Siegel. Aus der schönen Idee zweier Niederländer, die in den 1980er Jahren mexikanischen Kaffeeproduzenten faire Preise garantieren wollten, ist mittlerweile das wahrscheinlich bekannteste Siegel auf dem Markt für fairen Handel und ein global agierendes System geworden. Faire Preise für die benachteiligten Akteure des Weltmarkts, daran ist sicherlich nicht auszusetzen. Doch in den letzten Jahren wurde immer wieder Kritik an dem Fairtrade-System geäußert. Was ist also dran an der negativen Berichterstattung? Und warum ist Fairtrade vielleicht nicht so gut, wie viele denken?

Wofür steht Fairtrade?

Bevor wir in den Artikel starten, wollen wir kurz auf die Prinzipien und Ziele von Fairtrade eingehen.

Und auf die wichtige Unterscheidung zwischen Fairtrade und Fair TradeFairtrade meint das Siegel, also das Zertifizierungssystem, um das sich dieser Artikel dreht. Es ist ein eingetragenes Markenzeichen und soll die Einhaltung bestimmter Kriterien des fairen Handels garantieren. Fair Trade wird oft unabhängig davon verwendet und meint – wortwörtlich übersetzt – fair gehandelt. Dafür gibt es aber viele unterschiedliche Kennzeichnungen für Produkte, ein Beispiel ist Gepa fair+.

Und nun zu den Zielen und Prinzipien von Fairtrade:

Das oberste Ziel von Fairtrade war und ist, mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel zu ermöglichen. Erreicht werden soll dies durch Handelspartnerschaften, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruhen. Grundsätzlich müssen sich Fairtrade-Produkte deshalb vollständig zurückverfolgen lassen und Fairtrade Rohstoffe getrennt von nicht-Fairtrade Rohstoffen gelagert und verarbeitet werden. Außerdem gibt es noch zahlreiche soziale (z.B. Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit oder die Förderung gewerkschaftlicher Organisation), ökologische (z.B. Verbot von Waldrodung für neue Ackerflächen und Verwendung gefährlicher Pestizide) und ökonomische (z.B. Zahlung von Mindestlöhnen) Kriterien.

Der Grundstein für das Fairtrade-Siegel wurde in den 1980er Jahren gelegt. Zwei holländische Freunde, die beide in Mexiko wohnten, suchten nach einem Weg, den dortigen Kaffee-Farmer:innen faire Preise zu garantieren. Die Preise sollten diesen ein würdevolles Leben ermöglichen und den Schutz der Umwelt fördern. 1988 gründeten sie das Label Max Havelaar, das zum Vorbild für zahlreiche national agierende Organisationen wurde. Diese Organisationen schlossen sich 2002 dann unter dem Fairtrade-Siegel zusammen.

Die ursprüngliche Idee der Garantie fairer Bezahlung spiegelt sich bis heute im Fairtrade-Mindestpreis wider. Das heißt, den Produzent:innen wird für Ihre Erzeugnisse mindestens so viel gezahlt, dass sie die durchschnittlichen Produktionskosten für eine nachhaltige Produktion decken können. Außerdem gibt es eine sogenannte Sozialprämie bei Fairtrade, die alle Produzent:innen zusätzlich zum Mindestpreis erhalten. Sie soll in soziale Projekte vor Ort fließen und die Gesamtsituation der jeweiligen Region, nicht nur der Fairtrade-Produzent:innen, verbessern.

Wie funktioniert das Fairtrade-System?

Um die Kritik an Fairtrade zu verstehen und einzuordnen, macht es auf jeden Fall Sinn, vorher einen Blick auf die Prozesse der Fairtrade-Zertifizierung zu werfen. Wie genau funktioniert das System also?

Wichtige Kontrollinstanzen von Fairtrade

Unter dem Namen Fairtrade vereinen sich unterschiedliche Organisationen. Konkret sind das: die Fairtrade Labelling Oranizations International e.V., die FLOCERT GmbH, Fairtrade-Produzent:innennetzwerke und nationale Fairtrade-Organisationen.

In Deutschland ist der Verein TransFair e.V. das Rückgrat des Siegels. Er besteht aus 30 Mitgliedsorganisationen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen, die Lobbyarbeit gegen Handelsungerechtigkeiten und für fairen Handel machen. Auch handeln sie Lizenzverträge mit Partnern aus, deren Produktangebot den oben erwähnten Kriterien entspricht.

Dann gibt es noch die Fairtrade Labelling Organizations International (FLO), den internationalen Dachverband der nationalen Siegelorganisationen wie TransFair e.V..  Die FLO sind zuständig für die Entwicklung und Harmonisierung der Standards fairen Handels. Ihre globale Zertifizierungsgesellschaft FLOCERT vergibt das Label an Produkte, die die Kriterien einhalten.

Eine weitere Instanz im Fairtrade-System ist die World Fair Trade Organization (WFTO). Ihr Aufgabe ist die Organisation und Vernetzung von weltweit etwa 400 wichtigen Fair-Trade Organisationen. Sie repräsentieren die Lieferkette aus Produzent:innen und dem Einzelhandel und vergibt das Label an ganze Unternehmen, nicht nur einzelne Produkte, die den Kriterien entsprechen.

Fairtrade Siegel

Wie funktioniert die Fairtrade-Zertifizierung?

Wie genau läuft die Fairtarde Zertifizierung also in der Praxis ab?
Seit 2002 kümmert sich die bereits erwähnte FLOCERT um die Zertifizierungsprozesse von Fairtrade. Wollen Produzent:innen oder eine Kooperative ihr Produkt mit dem offiziellen Fairtrade-Siegel kennzeichnen, beantragen sie eine Mitgliedschaft in einem Fairtrade Verband. Dafür müssen sie einen Fragebogen ausfüllen und sich darin den Fairtrade Prinzipien verpflichten. Zusätzlich kann die FLOCERT spezielle Unterlagen anfordern. Daraufhin wiederum kann Fairtrade gewisse Verbesserungsvorschläge vorgeben, mit einer Frist für den Antragsteller, diese zu erfüllen. Schließlich kommt die lokal zuständige Unterorganisation von FLOCERT zur Erstkontrolle vorbei. Diese Kontrolle wird dann nach Zertifikatsvergabe in regelmäßigen Abständen, normalerweise aber nicht zwangsläufig jährlich, wiederholt.

Die Mitgliedschaft und der Antrag auf eine Fairtrade-Zertifizierung sind nicht kostenlos. Tatsächlich fallen die Kosten der Fairtrade-Zertifizierung sogar ziemlich hoch aus. Die Kosten sind zwar gestaffelt, je nach Größe des Unternehmens, nach Anzahl der Mitarbeiter:innen und Anzahl beteiligter Mitarbeiter:innen pro produzierte Einheit. Trotzdem sind selbst kleine Produzent:innen nach dem kompletten Zertifizierungsprozess oft mehr als 2.000 Euro los.

Was ist die geäußerte Kritik an Fairtrade?

Das Fairtrade-System erscheint auf den ersten Blick wie ein grundsätzlich gut organisiertes und verlässliches System. Aber, wie bereits angedeutet, gibt es mittlerweile zahlreiche Kritik am Fairtrade-Siegel. Und diese ist nicht unberechtigt. Was sind also die Probleme des Systems?

Kleine Produzent:innen und Kooperativen werden vom System benachteiligt

Oben haben wir bereits erwähnt, dass eine Fairtrade-Zertifizierung alles andere als eine günstige Angelegenheit ist. Die hohen Preise machen vor allem für Kleinbauern eine immense Zugangshürde zum Fairtrade-System aus. Viele kleine Produzent:innen entsprechen unabsichtlich bereits den Anbaubedingungen von Fairtrade. Denn teure Düngemittel können sie sich oft schlichtweg nicht leisten, zusätzlich bauen sie oft nach traditionellen und in der Regel nachhaltigeren Methoden ihre Produkte an. Die Kosten der Zertifizierung sind für sie allerdings unmöglich aufzubringen, das heißt im Klartext: Nur wirtschaftlich bereits relativ gut gestellte Produzent:innen haben die Mittel, sich die Zertifizierung überhaupt zu leisten.

Auch werden kleine Farmer:innen, die nur geringe Ernteerträge produzieren, teils gar nicht in das System aufgenommen. Das Argument dahinter ist, dass sie mit ihren geringen Produktionsmengen den Bedarf des Marktes nicht decken können. Bereits zertifizierte Farmer:innen oder solche, die eine Zertifizierung anstreben setzen deshalb auch eher auf konventionelle und ertragreiche Sorten, um die Ernteerträge konstant zu halten. Der Anreiz, die Ernte zu diversifizieren ist so gleich null, Biodiversität adé.

Außerdem wies eine Studie der Uni Hohenheim nach, dass kleine zertifizierte Produzent:innen öfter unter der Armutsgrenze leben. Denn die verhältnismäßig hohen Preise, die ihnen gezahlt werden, trotzdem nicht die hohen Kosten, die mit der Zertifizierung einhergehen, kompensieren.

Kakao und der Farmer

Eine genaue Kontrolle der Einhaltung der Fairtrade-Prinzipien ist quasi unmöglich

Und auch wenn das System an sich vertrauenswürdig erscheint, ist eine tatsächliche Kontrolle der Einhaltung der Kriterien quasi unmöglich. Verschiedene Berichte kritisieren beispielsweise die vorherrschende Praxis vieler Farmer:innen, die Mindestlohnregelung zu umgehen oder normale Produkte mit fehlender Zertifizierung als Fairtrade Produkte zu verkaufen. Die Kritik ist, dass das System unabsichtlich Anreize setzt, zu tricksen und zu betrügen.

Auch heißt der Erhalt des Labels nicht, dass von Anfang an alle Fairtrade-Kriterien erfüllt sind. Oft vergibt FLOCERT das Label zusammen mit Verbesserungsvorschlägen, für deren Erfüllung den jeweiligen Produzent:innen dann eine Frist empfohlen wird, die mehrere Jahre entfernt sein kann. Produzent:innen erhalten also das Label manchmal bereits dann, wenn ihre Produkte in der Realität noch nicht unter Einhaltung der Fairtrade-Kriterien produziert wurden.

Wo Fairtrade draufsteht, ist nicht immer 100% Fairtrade enthalten

Eine häufig geäußerte Kritik am Fairtrade-System ist auch, dass auf sogenannten Mischprodukten, also Produkten mit mehreren Zutaten, das Fairtrade-Siegel abgebildet sein darf, wenn nur 20 % der verarbeiteten Zutaten aus Fairtrade-Anbau stammen. Manche Hersteller halten sich außerdem nicht einmal an diese Grenze und drucken das Zeichen auf ihre Produkte, wenn der fair gehandelte Anteil sogar noch geringer ist. Bei “Fairtrade” Mischprodukten macht es also auf jeden Sinn, sich die Inhaltsstoffe und den Prozentsatz der fair gehandelter Zutaten genau anzuschauen.

Ein ähnliches Problem ergibt sich aus der nicht unüblichen Praxis des Mengenausgleichs. Dabei werden vor der Weiterverarbeitung der Produkte fair und nicht-fair gehandelte Produkte vermischt und anschließend ein Teil davon als fair ausgeschrieben. Solche Produkte müssen zwar gekennzeichnet werden, aber es gibt keine Vorgaben dazu, wie deutlich. Das heißt, der Hinweis “Mit Mengenausgleich” findet sich meistens winzig klein auf der Rückseite der Produkte.

Fazit: Inwieweit kann man Fairtrade also vertrauen?

Die aktuelle Praxis von Fairtrade lässt sich wohl am besten so zusammenfassen: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Auch wenn das Fairtrade-Zeichen mittlerweile das bekannteste auf dem Markt ist und sich international einen Ruf aufgebaut hat, ist das letztendlich auch seine Schwäche. Denn je verzweigter eine Organisation ist, je mehr Schritte dazwischen geschaltet sind, desto schwieriger ist es, den Überblick über das große Ganze zu behalten.

Wie wir aber bereits in dem vorhergehenden Artikel geschrieben haben: Im Durchschnitt, laut dem Ergebnis einer Studie des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft, verbessern Siegel, auch das von Fairtrade, die Situation von Produzent:innen. Mit ihnen steigen die Preise und Erträge. Aber auch wenn sich die Anbau- und Lebensbedingungen der Bauern vor Ort verbessern, begünstigt die vorherrschende Praxis Betrügereien und kann so in eine Täuschung von Konsument:innen resultieren. Die Kritik am Fairtrade-System ist also begründet!

Wenn Ihr grundsätzlich die Situation der Produzent:innen verbessern wollt und Ihr darüber hinwegsehen könnt, dass der Inhalt Eurer Produkte vielleicht doch nicht so ganz fair gehandelt ist, seid ihr mit dem Fairtrade Siegel zumindest nicht komplett auf dem Holzweg. Trotzdem empfehlen wir immer, vor allem bei “weit gereisten” Produkten wie Schokolade, ein bisschen genauer hinzuschauen und sich nicht nur auf Siegel zu verlassen. In den Urspungsländern von Kakao ist es schlichtweg so, dass gesetzliche Regelungen zum Schutz der Arbeiter:innen rar gesät sind oder nicht hinreichend durchgesetzt werden. Auch sind der Erhalt der Biodiversität und der Schutz der Umwelt beim Anbau von Cash Crops wie Kakao oft nachrangig.

Schokolade und Kakaobohnen

Woher weiß ich, dass meine Schokolade wirklich fair und nachhaltig ist?

Wenn Ihr also wirklich faire und nachhaltige Schokolade wollt, kommt Ihr um ein wenig Eigenrecherche nicht herum. Denn nur in der Bean-to-bar-Herstellung liegt unserer Meinung nach der Schlüssel eines rundum fairen und direkten Handelskreislaufs. Können Euch die Hersteller:innen also jeden Schritt der Schokoherstellung – vom Kakaoanbau bis zur Tafel – nachvollziehbar verständlich machen und über gezahlte Preise und Löhne berichten, ist das ein sehr gutes Zeichen.

Wir geben zu, dass das auf jeden Fall deutlich aufwendigerer ist, als schlichtweg im Supermarkt die Schokolade mit dem Fairtrade-Siegel zu kaufen. Wenn Ihr aber wirklich faire und nachhaltige Schokolade wollt und Euch die Eigenrecherche zu zeitintensiv ist, schaut doch in unserem Theyo-Shop um. So könnt ihr die Aufgabe der Recherche und Überprüfung der Schokoladenhersteller:innen einfach an uns abgeben. Die Schokolade, die wir vertreiben, haben wir nach klaren Auswahlkriterien ausgesucht und mit viel Mühe versucht detailliert zu prüfen. Diese sind: Faire Bezahlung (weit über Fairtrade-Standards), nachhaltige Anbau-Formen (zumeist weit über Bio-Standards und i.d.R. in Permakultur-Umgebung ohne Abholzung von Regenwäldern) und – idealerweise – die Herstellung im Ursprungsland des Kakaos.

Wenn Euch das Thema Siegel näher interessiert, könnten Euch auch unsere Artikel  “Die Bedeutung der häufigsten Nachhaltigkeits-Siegel” und “Wofür steht das B Corp-Siegel” gefallen!

 

 

 

Jetzt weiterlesen

Wir empfehlen hierzu
ZAHLUNGARTEN

     

VERSAND DURCH

   

NEWSLETTER

Melde Dich an für spannende Schoko-Stories, Tipps & Tricks sowie Produktneuheiten.

0